Anlässlich seines grossartigen neuen Albums wurde ich kürzlich nach unserem Interview mit Owen Pallett (alias Final Fantasy) gefragt. Da es auf der alten Klangschau-Seite nicht mehr lesbar ist, hier also nochmal das Klangschau Exklusiv-Interview mit Owen Pallett von 2005 über seine Arbeit mit Arcade Fire und den Hidden Cameras, Lieblingsfilme, Videospiele und den schlimmsten Tag der Tour.

Eigentlich wäre das Interview mit Owen Pallett alias Final Fantasy für 19.30 angesetzt. Doch schon gegen Mittag erreicht mich ein SMS aus dem Tourbus:

“Interview erst nach show. Wir sind noch im italien. Werden zu spaet ankommen”

Im Zürcher El Lokal angekommen, frag ich sicherheitshalber nochmals nach, nicht dass ich vergebens auf Final Fantasy warte.

„Wir sind noch nicht mal da.hoellentag„

Aber schlussendlich kommen sie trotz Stau doch noch an und spielen ein wunderbares Konzert im äusserst gut besuchten El Lokal mit drei Zugaben. Für das anschliessende Interview nimmt sich Owen auch gerne Zeit, obwohl er noch nichts gegessen hat und fast am verhungern sei.

Wie läuft die Europa Tour? Ich hab gehört heute wär’s etwas stressig geworden.

Heute war der schlimmste Tag! Wir hatten bis jetzt nur super Tage. Aber heute war’s so übel, dass wir hinten im Auto sassen und „yeah, worst day“ gerufen haben. [lacht] Wir waren so lange in diesem Auto und zuvor mussten wir noch am Veranstaltungsort warten und konnten nicht mal weg, um was zu essen. So haben wir halt einen Beachball rumgekickt und ein paar Tage alte Salate ohne Sauce gegessen. [lacht]

Klingt ja wunderbar. [lacht] Unsere Hörer/Leser haben dich und deine Geige ja schon gehört, bevor sie überhaupt von Final Fantasy wussten. Bei den Hidden Cameras bist du dabei und bei Arcade Fire auch. Aber da gibt’s sicher noch weiter Projekte von denen wir hier noch nie was gehört haben.

Arcade Fire und die Hidden Cameras sind eigentlich Projekte bei denen ich eher weniger involviert bin. Obwohl Arcade Fire schon. Schliesslich war ich ja auch mit ihnen auf Tour. Aber da gibt es eine Band auf die ich besonders stolz bin. Die Jim Guthrie Band aus Toronto. Jim ist ein Solo-Gitarrist, der zuvor schon bei Royal City war. Royal City waren aber trotz einem Vertrag mit Rough Trade leider nicht besonders erfolgreich. Die Jim Guthrie Band ist  ein Soloprojekt von ihm, das in Kanada recht erfolgreich war, ausserhalb aber weniger. Mit ihm hab ich ein Album gemacht, das wie eine Mischung aus einem Rock- und einem Streicher-Album klang. Es klang etwas wie eine Lo-Fi-Version eines Zombies Albums. Oh, und Jim spielt jetzt übrigens  bei den Unicorns-Nachfolgern Islands Gitarre. Aber ich weiss jetzt nicht, wie’s um sein Soloprojekt steht. Es war wirklich wunderbar. Wenn du also eine Jim Guthrie CD irgendwo auftreiben kannst, würden sich deine Hörer sicher freuen.

Da werd ich mich sicher drum kümmern. Nun aber zu deinen etwas bekannteren Projekten, den Hidden Cameras und Arcade Fire. Zuerst zu den Hidden Cameras. Ihr Mastermind Joel Gibb sieht sich ja selbst als eine Art musikalischen Diktator. War es schwierig mit ihm zu arbeiten?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es schwierig war. Also es ist natürlich immer schwierig mit jemandem zu arbeiten, der dein Freund ist und seine Musiker wie Vieh behandelt. [lacht]

Ich hab jetzt schon länger nicht mehr mit ihm gesprochen, aber er ist wirklich ein Genie und macht sein Ding. Es ist natürlich etwas schade, dass man bei den Hidden Cameras, nicht so arbeiten kann, wie bei anderen grossen Bands, wie Broken Social Scene oder Arcade Fire, wo jeder Musiker sein Talent einbringen kann. Das merkt man auch an der Qualität der Hidden Cameras Alben und an ihrer Fähigkeit auf Tour zu gehen.

Was konntest du denn von deiner Arbeit mit den Hidden Cameras für dein eigens Projekt Final Fantasy lernen?

Joel ist ein musikalischer Visionär. Mit ihm zu arbeiten hat mir wirklich die Augen geöffnet für neue Songwriting-Ansätze und sexualpolitische Themen. Aber ich hab von ihm auch gelernt, wie man eine Band leitet, obwohl ich nicht seiner Meinung war. Trotzdem halte ich ihn natürlich für einen wirklich wunderbaren Künstler und kürzlich hab ich ein paar seiner neuen Songs gehört, die er an Konzerten in Kanada gespielt hat. Unglaublich gute Songs, wohl die besten, die ich je gehört habe.

Und nun zur anderen Band die du zuvor schon erwähnt hast, Arcade Fire. Die sind ja verglichen mit den Hidden Cameras ganz anders organisiert.

Stimmt. Mit Arcade Fire zu arbeiten ist ein reines Vergnügen. Im Moment sind sie ja auch weltweit jedermanns Liebling. Aber ich bin ja kein richtiges Bandmitglied und fühle mich jetzt auch persönlich nicht allzu stark mit Arcade Fire verbunden oder gar als höheres Wesen wegen all dem Erfolg. Aber ich freue mich natürlich riesig über ihren Erfolg. Zudem hat mir die Arbeit mit Arcade Fire erlaubt, vor grossem Publikum als Vorband und Mitmusiker zu spielen und nicht zu letzt auch gut zu essen. [lacht]

Was konntest du von dieser Zusammenarbeit für dich und Final Fantasy profitieren, abgesehen vom guten Essen?

Die Zusammenarbeit mit anderen Bands, wie Arcade Fire, ist eigentlich ziemlich schädlich für Final Fantasy. Ich bin nie zu Hause und habe keine Zeit was Eigenes aufzunehmen. Sie haben wirklich einen sehr stressigen Aufnahmeplan. In diesem Jahr komme ich also alle Konzerte mit Final Fantasy, Picastro, eine andere Band in der ich spiele, Arcade Fire und Gentleman Reg, auch eine Band in der ich gelegentlich spiele, eingerechnet auf etwa 170 Konzerte. Ich bin also reichlich überarbeitet. Und das alles dank dem Erfolg von Arcade Fire.

Nun zu deinem eigenen Erfolg. Du bist im Moment ja wirklich der Indie-Geigenspieler der Stunde. Wie kam’s dazu, dass du gleich auf so vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen konntest?

Nun, ich kann sehr schlecht ‚nein’ sagen und in Kanada gibt’s zur Zeit wirklich viele talentierte Musiker. Aber seien wir ehrlich, da gibt es viel bekanntere und bessere Indie-Geiger als mich. [lacht] Andrew Bird und Warren Alice sind nun wirklich deutlich visionärer und talentierter als ich. Aber nett von dir, dass du mich da dazuzählst.

Wie geht’s nun weiter mit Final Fantasy. Während dem Konzert hast du ja ein Konzept Album zu den sieben Schulen der Magie erwähnt.

Nun, ich interessiere mich sehr für Magie, wie sie in Fantasybüchern vorkommt. Als ich noch ein junger Teenager war habe ich tonnenweise Fantasybücher gelsen und heute spiele ich immer noch viele Computerspiele. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass in der heutigen populär Kultur ein gewisser Sinn für Fantasy und das Eintauchen in andere Welten fehlt. Aber auf jeden Fall bin ich gerade daran mein nächstes Album fertig zu machen. Es heisst He Poos Clouds und kommt im April 2006 raus. Das ist wirklich eine spannende Sache. Es gibt Songs über Computerspielfiguren und die verschiedenen Schulen der Magie. Ich versuche dabei jede dieser Schulen mit etwas Alltäglichen zu verknüpfen und daraus eine Art roten Faden abzuleiten.

Hilft dir dieser Konzept-Ansatz beim Songschreiben?

Ich brauche diese Tricks wirklich um Songs zu schreiben. Ich bin einfach textlich nicht annähernd so inspiriert, wie melodisch. Ich hab tonnenweise Songs, die aber alle noch keine Texte haben und solange rumliegen bis ich auf eine Idee komme oder mir jemand einen Tipp gibt.

Welche Computerspiele beeinflussen dich denn?

Ich bin da sehr heikel und wählerisch. Ich spiele auch nicht so fleissig wie andere typische Gamer. Online-Spiele und Shooter sind wirklich nicht mein Ding. Ich mag eher Spiele bei denen man eine neue Welt erkunden kann. Im Moment spiele ich viel ICO, ein PlayStation2 Spiel. Da ist man ein Kind und erkundet ein Schloss. Der einzige Nutzen den man aus dem Erkunden des Schlosses zieht ist pure Freude an der Architektur. Man kann all die hohen Türme besuchen und die Aussicht auf das Schloss geniessen. Da gibt’s auch keine Filmsequenzen. Nur architektonischen Genuss.

Wie steht’s mit Fantasy Rollenspielen aus?

Nein, nicht mahl die. Wirklich eher seltsamere Spiele. Ich bin allerdings ein ziemlich guter Tetris-Spieler. Ich könnte es schon fast professionell spielen. [lacht]

Im Tourbus spiele ich im Moment Chrono Trigger. Ich bin aber nicht sicher, ob ich es durchspielen kann.

Du hast zuvor auch Fantasy-Bücher erwähnt. Welche hast du denn da gelesen?

Oh, so peinlich! [lacht] Nun, ich hab alle C.S.Lewis Bücher gelesen, die ich immer noch für äusserst lesenswert und gute Bücher halte. Dann hab ich aber auch haufenweise David Eddings, R.A.Salvatore und solches Zeugs gelesen. Aber Harry Potter finde ich ehrlich gesagt Mist. Für mich ist das einfach eine noch ‚pulpier’ Version eines Genres das eh schon ziemlich ‚pulp’ ist.

Fantasy ist doch eigentlich so ein grossartiges Genre. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum Fantasy ein derartiges Mauerblümchendasein führt und ich kann auch nicht verstehen, warum es nicht mehr Autoren und Regisseure gibt, die sich diesem Thema annehmen. Ausgenommen natürlich von diesen lausigen Herr Der Ringe Remakes und diesem wirklich katastrophal hässlich aussehenden Chronicles Of Narnia Film. Ich bin ja ein grosser Fan von Willow. Kennst du den? [Und ob ich den kenne.] Der ist so fantastisch. Man merkt auch, dass Willow speziell fürs Kino geschrieben wurde und keine Buch-Adaptation ist. Jeder Fantasy Film in letzter Zeit ist eine Buch-Adaption. Wenn ich einen Chronicles Of Narnia Film sehen will, will ich einen Film sehen, der in der Narnia Welt spielt, aber was völlig neues ist und speziell fürs Kino geschrieben wurde.
Das ist übrigens auch der Vorteil von Fantasy Computerspielen. Dort ist es noch möglich eine Welt zu erschaffen, ohne dabei auf ein Buch oder eine bereits existierende Geschichte Rücksicht zu nehmen.

Endlich jemand der Willow mag. Da muss ich natürlich gleich nachhacken und nach deinem Lieblingscharakter fragen.

Hm, mein Lieblingscharakter… Ich weiss gar nicht. Das ist wirklich schwierig. [lacht] Alle Charaktere passen so gut zusammen. Natürlich gibt’s auch üble Sachen. Wie zum Beispiel Kevin Pollak, der diese kleinen Brownie/Kobolde mit einem frankokanadischen Akzent spielt. Auch sonst hat’s viele wirklich seltsame Sachen. Aber mir gefällt zum Beispiel Jean Marsh als Königin Bavmorda. Sowieso finde ich die weiblichen Charaktere sehr sehr stark. Es ist ohnehin ungewöhnlich, dass den vier männlichen Hauptcharakteren vier weibliche gegenüberstehen, die nun wirklich nicht nur Blendwerk sind. Sorsha ist auch toll. Das ist doch wunderbar, diese Frau die ihre Mutter aus Liebe betrügt. Wirklich wunderbar und die Action-Szenen sind auch fantastisch.
Die Leute sagen ja immer: „George Lucas, was für ein übler Drehbuchschreiber“. Aber Willow hat wirklich ein grandioses Drehbuch. George Lucas kann von mir aus so viele Star Wars Filme machen, wie er will, und die können auch so übel sein, wie nur möglich. Ich bin einfach glücklich, dass er Willow gemacht hat. Mein Lieblingsfilm. Ich schaue ihn immer an Weihnachten mit meiner Familie.

Im Anschluss an das Interview plaudern Owen und ich noch lange über Willow, den es inzwischen ja endlich auf DVD gibt, nachdem ich die VHS-Kassette vor Jahren dummerweise gelöscht habe. Auch das mit den „lausigen“ Herr der Ringe Filmen kann ich so dann doch nicht im Raum stehen lassen und wir einigen uns schliesslich darauf, dass der erste Teil wirklich der schönste der drei war und die restlichen zwei nicht unbedingt von den Spezialeffekten aus dem Computer profitiert haben. Ob Owen allerdings zum Ausklang des schlimmsten Tages der Tour doch noch was Richtiges zu essen bekommen hat, ist mir nicht bekannt.

Weitersagen:
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • MySpace
  • PDF
  • RSS
  • Twitter

Einen Kommenar schreiben

Folgende HTML-Tags sein einsetzbar: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>